Metabolisches Syndrom – hilfreiche Diagnose oder nur Semantik ?Bericht vom DGE-Jahreskongress, 01.03.2006Viszerales Fett schürt chronische Entzündungen und verdreifacht Risiko für HerzinfarktVon den zehn häufigsten Erkrankungen in der Allgemeinarztpraxis entfallen sechs auf endokrine Störungen im weiteren Sinne. Das metabolische Syndrom „bündelt“ Risikofaktoren wie Stamm-Adipositas mit Insulinresistenz, Fettstoffwechsel-Störungen und Hypertonie mit drohenden Gefäßschäden. Schon heute sterben in Deutschland mehr Menschen an den Folgen dieses Syndroms als an allen Karzinomen zusammen genommen. Auf mindestens 15 Millionen schätzt Professor Klaus Mann als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie den Anteil von Bundesbürgern, die ein metabolisches Syndrom aufweisen – Tendenz stark steigend. Die Betroffenen haben ein signifikant erhöhtes Risiko, einen Diabetes Typ 2 zu entwickeln und ein dreifach erhöhtes Herzinfarkt-Risiko. Dabei sind sie leicht zu erkennen, eine einfache Messung des Bauchumfangs reicht: Bei mehr als 80 Zentimetern ist bei Frauen und über 94 Zentimeter bei Männern der „Rubikon überschritten“. Das Problem ist dabei nicht das subkutane, sondern das viszerale Fett, wie Professor Harald Klein, Bochum, als Mediensprecher der Gesellschaft darlegte. Das intraabdominale Fettgewebe ist ein hochaktives endokrines Organ: Es produziert Botenstoffe, die proinflammatorisch wirken (TNFα, IL-6) und unter dem Verdacht stehen, chronische Entzündungen zu unterhalten – und damit eine Atherosklerose fördern. Außerdem werden Substanzen gebildet, die hypertensiv wirken (Angiotensin II, PAI-1). Im Zusammenhang mit der Adipositas ist der gesteigerte Leptin-Spiegel wichtig, therapeutisch aber offensichtlich weniger gut zu nutzen als die verminderte Adiponectin-Ausschüttung. Adiponectin bewirkt im peripheren Gewebe und intrahepatisch eine erhöhte Insulin-Sensitivität, zusätzlich wird der Substanz eine antiinflammatorische Wirkung in den Gefäßen zugeschrieben. Da der Botenstoff mit Zunahme des viszeralen Fettdepots absinkt, ist ein therapeutischer Ansatz über die Zufuhr von Adiponectin möglich - anders als bei Leptin, das bei adipösen Menschen schon früh vermehrt ausgeschüttet wird, weshalb eine zusätzliche Gabe nicht sinnvoll ist. Zur Hypothese, wonach Adenoviren die Fettzell-Differenzierung beeinflussen sollen, meinte Klein: „Diese Vorstellung ist zwar verlockend. Aber für eine klare Beurteilung ist es viel zu früh. Wir sollten uns stattdessen an die gesicherten Risikofaktoren für Adipositas halten: Fettdepots entstehen ganz sicher durch eine übermäßige Aufnahme von Nahrungsmitteln mit hoher Nährstoffdicke im Verein mit zu wenig Bewegung.“ Die Tragweite der Entwicklung verdeutlichte Klein anhand klinischer Daten: In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Inzidenz des Diabetes verdoppelt, diejenige der Schlafapnoe – eindeutig mit Adipositas assoziiert – sogar verfünffacht. Aus diesem Grund sieht er den Begriff „metabolisches Syndrom“ primär positiv: Wenn zwei der drei Einzelstörungen - Adipositas, Bluthochdruck, Insulinresistenz – vorliegen, sollte immer nach der dritten gefahndet werden. Dieser praktische Gesichtspunkt überwiegt gegenüber der Kritik, die an drei Punkten ansetzt: · Die Ausprägung der Einzelstörung wird nicht berücksichtigt (fehlende „cut offs“) · Es ist nicht klar, ob das Risiko für Betroffene höher ist als das additive Risiko durch die Einzelstörungen · Die therapeutischen Konsequenzen unterscheiden sich nicht von der Behandlung der Einzelstörungen. Sinnvoll wäre für Klein einerseits die Forschung nach den Ursachen der einzelnen Störungen, die im metabolischen Syndrom zusammengefasst werden, andererseits die Definition von Risiko-Scores. Auch wenn die kausalen Zusammenhänge letztlich nicht geklärt sind, hat das metabolische Syndrom als Begriff durchaus seine Wertigkeit in der Praxis, „erinnert“ es doch den Arzt daran, beim Vorliegen einer der Störungen, an die anderen zu denken. „Da Patienten mit metabolischem Syndrom ein dreifach erhöhtes Risiko für einen Myokardinfarkt aufweisen, ist das eine klare Handlungsanweisung.“ |




