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Langzeit-Überlebende von Kindheitstumoren

Familienplanung nicht auf die lange Bank schieben

Junge Frauen und Mädchen nach einer pädiatrisch-onkologischen Therapie haben auch dann eine eingeschränkte Ovarreserve, wenn sie regelmäßige Zyklen aufweisen. Die Familienplanung sollte deshalb nicht allzu weit hinausgeschoben werden.

Wie Dr. Andreas Schüring aus Münster beim gemeinsamen Kongress der deutschen und österreichischen Endokrinologen in Salzburg ausführte, sind heute bereits 0,1% der 20-Jährigen Langzeit-Überlebende von Kindheitstumoren. Im Jahr 2010 werden es etwa viermal so viele Menschen sein.
Detaillierte Untersuchungen in der reproduktiven Phase dieser Patientinnen legen allerdings nahe, dass die Krebsbehandlung nicht „spurlos“ an den Ovarien vorüber gegangen ist. Selbst bei Frauen mit regelmäßigen Menstruationszyklen sind im Alter von etwa Mitte 30 in der frühen Follikelphase ein Anstieg der FSH-Werte und eine verringerte Anzahl von basalen Follikeln im Ovar nachgewiesen - relativ eindeutige Indizien für eine verminderte Ovarreserve und damit eine verkürzte reproduktive Phase.
Diese Beobachtungen weisen andererseits darauf hin, dass es mit der Gabe von GnRH-Analoga während der Chemotherapie wohl eher nicht gelingen dürfte, die Ovarien komplett vor Schäden zu bewahren. Die erhoffte Protektion der Fertilität bei diesem Vorgehen ist bisher nur beim Tier sicher nachgewiesen. Beim Menschen sind die Ergebnisse nicht einheitlich, prospektive Studien an größeren Kollektiven stehen nach Angaben von Professor Ludwig Wildt aus Innsbruck noch aus.

Netzwerk zur Protektion der Keimzellen baut flächendeckend Strukturen auf

Längst nicht in allen Fällen bleibt nach der Behandlung eines Tumors in der Kinder- und Jugendzeit die Fertilität erhalten. Deshalb hat sich – bisher weltweit einmalig – das deutsche Netzwerk Fertiprotekt gegründet, das onkologisch tätige Kollegen, aber auch Patienten und Eltern über die Möglichkeiten zum Schutz der Fruchtbarkeit informieren und beraten (www.fertiprotekt.de).
Im Verbund sollen die vielen offenen Fragen und Unsicherheiten im Zusammenhang mit den verschiedenen – oft noch experimentellen – Ansätzen zum Gonadenschutz wissenschaftlich untersucht werden, erklärte Privatdozent Dr. Michael von Wolff aus Heidelberg.
Flächendeckend kann das Netzwerk inzwischen bereits die Kryokonservierung von Eizellen und Pronukleusstadien anbieten. Die Kryokonservierung von Ovargewebe – eine Option für Mädchen und junge Frauen ohne Partner – ist bisher noch rein experimentell; offen sind sowohl die optimale Größe der einzufriedenden Kortexproben als auch das ideale Kryokonservierungsprotokoll. Bisher ist es beim Menschen noch nicht gelungen, die Primordialfollikel aus den Kortexproben direkt in vitro zu reifen – erste ausgetragene Schwangerschaften nach autologer Transplantation der Gewebeproben lassen allerdings vorsichtige Hoffnungen zu.
Die Kosten für die Ovarbiopsie oder auch Medikamente wie GnRH-Analoga zur Fertilitätsprotektion werden nach Angaben des Referenten von den Kassen übernommen. Die Tiefkühllagerung von Keimzellen, Pronukleusstadien oder Ovargewebe müssen die Patientinnen allerdings selbst tragen (etwa 500 Euro jährlich).
Zusätzlich will das Netzwerk auch die psychologische Relevanz dieser Maßnahmen klären. In spezifischen Untersuchungen soll erhoben werden, wie belastend oder entlastend Patientinnen diese Möglichkeiten zum „Schutz der Fertilität“ empfinden und wie relevant dies für die weitere Lebensplanung ist.

Gesundheitspolitik